Hobbes 2.0

Schon beim Betreten des Büros schlägt mir der beißende Geruch der anderen Pisser entgegen. Ich kann sie allesamt nicht leiden, aber was macht das schon. „Mit gehangen, mit gefangen“ oder wie heißt es so schön? Zumindest auf eine ist Verlass. Beschwingten Schrittes kommt mir Sabine auf dem Flur entgegen. Hinter ihrem Kopf wedelt freudig der blonde Pferdeschwanz im Takt des Absatzklackens hin und her. Mit einem wissenden Lächeln hält sie mir meine erste Ration Kaffee unter die Nase. Das hilft.

Drei auf drei Meter und davor ein Schild mit meinem Namen. Eine Augenweide ist mein Büro wahrlich nicht. Der Teppich in Anthrazit ist an manchen Stellen schon stärker von der Sonne ausgeblichen als an anderen und hinten in der Ecke sind immer noch die Spuren eines „Kaffee-Unfalls“ von vor zwei Jahren zu sehen. Sämtliches Geschrubbte und Geputzte hat nichts geholfen, der Fleck hat sich tief hineingefressen. Aber besser als im Großraumbüro mit den anderen Zirkusäffchen in ihren Zwei-auf-zwei-Meter-Boxen zu sitzen. Die Nase am PC und trotz „paperless office“ kaum hinter ihren Papierstapeln zu sehen. Wobei es mit diesen neuen Glaswänden schon fraglich ist, wer hier wirklich der Affe ist. Zumindest riecht es bei mir immer leicht nach Zitrone, fast so als würden der Boden die eingerubbelten Reiniger von damals wie ein überdimensionaler Duftspender wieder langsam an seine Umgebung abgeben. Der PC ist noch an. Das spart schon einmal ein paar Minuten am Morgen. Ein kurzes Aufflimmern. 58 ungelesene Nachrichten. Auf dem Bildschirm sehe ich wie mein Spiegelbild die rechte Oberlippe nach oben zieht und mir die Zähne zeigt.

Pünktlich um 8:57 Uhr klingelt das Telefon. Völlig monoton und doch so unaufhörlich aufdringlich, dass es nicht zu ignorieren ist. Bluetooth sei Dank kann ich zumindest während der Gespräche im Büro hin- und hergehen. Beim Blick aus dem Fenster schneiden die vormals noch weißen, doch mit der Zeit schon leicht vergilbten Lamellen-Jalousie mit dem Flair einer Arztpraxis die Welt draußen in portionsgerechte Scheibchen. Heute ist es bewölkt und alles ist grau in grau. Bei schönem Wetter malen sie ein Wechselspiel aus Licht und Schatten auf den Boden. Dann kommt es mir vor, als würde ich in einem Käfig stehen, der hoch über den Dächer als neue Attraktion der Stadt hängt. Langsam macht sich der Kaffee bemerkbar. Zur Erleichterung richte ich den Strahl zielsicher auf die kleine Yucca-Palme in der Ecke. Schnell sickert der Urin ein bis nur noch ein dunkler, feuchter Fleck auf der Erde die Stelle des Eindringens markiert. Ich atme tief ein – ah das tut gut. Nach und nach breitet sich der Duft im ganzen Raum aus. Mein Büro. Meine Regeln.

Mit meinem nächsten Kaffee und dem aktuellen Report in der Hand kommt Rufus herein geschlichen. Wie jeden Morgen rieche ich die Bananenmilch in seinem Atem als er mir über meinen rechten Mundwinkel schleckt. Den Report legt er auf dem Schreibtisch ab, den Kaffee nehme ich ihm direkt aus der Hand. Zufrieden stelle ich fest, dass er endlich verstanden hat, wie ein guter Kaffee zu sein hat. Frisch gemahlen, kurz aufgebrüht, ohne Milch, dafür aber mit einem kleinen Teelöffel braunem Zucker. Die Kunst ist es, genau so lange zu rühren bis sich der Zucker restlos aufgelöst hat. Dann hat der Kaffee die richtige Trinktemperatur und Süße. „Na Rufus, du alter Speichellecker.“ In der Tür steht Marc – der Abteilungsleiter. Sofort wirft Rufus sich auf den Boden und rollt sich auf den Rücken, genau da, wo der Kaffee-Fleck ist. Dabei hängt ihm seine blau-grau schattierte Krawatte wie eine überlange Zunge über die Schulter. „Halb 2, Konfi 5.“ Ich mache mir gar nicht erst die Mühe zu antworten. Marc ist längst weg. Zurück bleibt ein Duftgemenge aus Birnenblättern, Minze, Zedernholz, einem Hauch Pinie und heute einem blumig-süßen Frauen-Parfüm. Das trägt normalerweise Jessy. Auf der Schreibtisch-Oberfläche erscheint die Hand von Rufus, der sich gerade wieder vom Boden hochhievt. Seine speckige Form lässt ihn weich und schwach wirken. Keuchend bleibt er zurück als ich mich auf den Weg mache.

12 Uhr. Fütterungszeit. Schon von weitem macht sich der Geruch von heißem Fritierfett, den Gasbrennern unter den Wärmebehältern und Rausgebackenem in den Gängen bemerkbar. Durch die große Glastür dringen Geschirrklappern und dumpfes Gemurmel. Für meinen Geschmack ist hier schon wieder viel zu viel los, aber konditioniert wie ein Pawlowscher Hund treibt es nun einmal alle zur gleichen Zeit in die Kantine. Zumindest lassen die vermehrten Vegetarier und Bewusst-Esser die Warteschlange bei den Fleischgerichten immer kürzer werden. Heute. Dienstag. Steak mit wahlweise Bratkartoffel, Pommes oder Reis 4,65 Euro. Beilagensalat 0,95 Euro. Mit vollgeladenem Tablett scanne ich die Tische. Im hinteren Bereich haben sich wie immer die Praktikanten zusammengerottet. Beim Fenster sitzt das Controlling gleich neben Marketing und HR. Ich habe keine Lust auf leeres Geschwafel und steuere einen freien Tisch nahe dem Mittelgang an. Gerade als ich zum Besteck greife, zieht sich der Stuhl neben mir zurück. Ich kenne das Gesicht nicht und es mir auch egal. Ein tiefes Knurren entfährt meiner Kehle – wie auf Kommando stellen sich meine Nacken- und Armhaare auf. „Hallo, ich bin Volker. Ich bin…“ Obwohl ich nur leicht zuschnappe, spüre ich wie sich meine Zähne in seinen weichen Nacken graben. Zuerst durch die ersten Hautschichten und dann tiefer bis ich eine Mischung aus billigem Eau-de-Toilette und Blut auf meiner Zunge schmecke. Fast so als würde ich ein Cent-Stück als Bonbon lutschen. Er macht einen erschrockenen Satz zurück und kippt dabei den Stuhl um. Rasselnd schlägt die stählernen Lehne auf dem Fliesenboden auf und trippelt einige Mal auf und nieder. Er steht da mit der Hand auf der Stelle, wo bis vor wenige Augenblicke meine Zähne noch ihre Spuren hinterlassen haben. Durch die Ritzen zwischen seinen Finger quillt langsam das Blut und rinnt in dünnen Bahnen über den Handrücken und den Unterarm entlang bis es unregelmäßig auf den Boden tropft. Langsam geht er rückwärts und verkriecht sich dann in Richtung Toiletten. Ein letzter kritischer Blick in die Runde. Keine weiteren Eindringlinge. Beim ersten Schnitt durch das Steak läuft unten der dunkelrote Saft aus Blut und Fett aus dem Fleisch. Genau wie ich es mag. Stück für Stück schlinge ich es hinunter. Auch das von Volker. Meinen leeren Teller stelle ich auf das Kantinen-Rückgabeband und schicke ihn auf eine Reise in die Industrie-Spülmaschine. Bevor ich wieder in mein Büro zurückgehe, gönne ich mir noch eine Tasse Kaffee. Noch vier Stunden bis zum Feierabend.

„Herzflimmern“

Er mochte das Moor – schon früher war er oft mit seinem Vater hierher gekommen. Für ihn war es ein ganz besonderer Ort und er verstand nicht weshalb die anderen es so mieden. In den letzten Jahren war er viel herumgekommen. Aber nirgends fand er so zu sich selbst wie hier oben inmitten der dunklen Wälder. Stundenlang saß er am Kolksee und versuchte dem Moor sein Geheimnis zu entlocken.

Doch heute war es anderes. Noch nie hatte er sich so verloren gefühlt. Schon seit Stunden irrte er umher. Die Dämmerung war längst der Nacht gewichen und seine Kräfte verließen ihn langsam. Völlig erschöpft sank er auf einen verwitterten Baumstumpf. Seine müden Augenlider zogen schwer nach unten. Er kämpfte dagegen an, denn er wusste, dass er zu dieser Jahreszeit eine Nacht hier nicht überleben würde. Plötzlich. Ein kurzes Flackern in der Ferne. Zuerst ganz leicht. Dann ganz klar. Sofort war er hellwach. Neuen Mutes folgte er dem Schein. Aber so schnell wie er gekommen war, war er wieder verschwunden. Doch der rote Schimmer hatte sich wie ein fixer Zielpunkt auf seine Netzhaut gebrannt. Hastig eilte er ihm nach, bis es zu spät war. Knietief steckte er bereits im gierigen Schlamm, welcher sich rasch mehr und mehr von ihm holte. Er schrie nicht und er wehrte sich nicht. Zu gut kannte er das Moor. Er schloss nur die Augen und wartete. Immer höher kroch die Kälte bis sie ihm fast die Luft raubte. Da spürte er zwei Hände wie sie unter seine Arme griffen und ihn nach oben zogen.

Doch als er die Augen öffnete, sah er nur wieder das Flackern von zuvor. Er begriff nicht. Noch immer hielten ihn die Hände. Doch er sah nur das Licht und darum war Dunkelheit. Ein Rauschen durchfuhr ihn und aus einem hellen Säuseln in seinem Kopf formten sich leise Worte. „Du bist hier.“ Obwohl er die Stimme nicht richtig verstand, war sie das schönste, was er je gehört hatte. Er wollte rufen, doch aus seiner Kehle kam nur ein klägliches Krächzen. In diesem Augenblick schoben die Wolken den Mond frei und vor ihm erstand eine kaum erkennbare Menschengestalt. Wie die flimmernde Luft an einem heißen Sommertag spiegelte sie sich schwach im weißen Lichtschein. Ihm stockte der Atmen. „Wer bist du?“ stieß er schließlich hervor. „Wieso fragst du?“, antwortete ihm die Stimme mit der Gutmütigkeit wie sie nur eine Mutter ihrem Kind entgegen kann. Eine seltsame Ruhe breitete sich in ihm aus. Fast schon benebelt von dieser Schwere hob er erneut an „Sage mir doch wer du bist!“. Geduldig ertönte die selbe Antwort wie zuvor. „Wieso fragst du?“ „Weil ich wissen will wer oder was du bist“, platzte es aus ihm heraus. „Aber das weißt du doch!“ erwiderte ihm die Stimme ruhig. „Woher soll ich denn wissen wer du bist?“, klagte er verzweifelt.

Da er keine Antwort erhielt, sprach er um in der Stille nicht den Verstand zu verlieren „Ich habe so etwas noch nie gesehen. Du bist wie der durchsichtige Schatten eines Menschen und doch kann ich dich spüren. Alles fühlt sich kalt an, aber dein hämmerndes Licht zieht mich mit seiner Wärme in einen Bann und lässt mich nicht mehr klar denken. Also sage mir nicht, dass ich weiß wer du bist!“ Die letzten Worte schrie er schon beinahe. Hämisch schallte ihm nur weiter eine grausame Stille entgegen. Da packte ihn die Wut „Du bist Schuld. Du hast mich ins Moor geführt. Deinetwegen wäre ich fast umgekommen. Sage mir jetzt wer du bist! Du bist nicht von hier! Du kannst nicht von dieser Welt sein! Du musst… du… du bist ein Irrlicht!“, ganz plötzlich traf ihn die Erkenntnis. „Ich habe diese Geschichten immer für einen Mythos gehalten. Für Aberglauben. Für Narren-Geschwätz.“ „Wir sind Seelen, deren Aufgabe hier auf dieser Welt noch nicht zu Ende ist“, unterbrach ihn die Stimme sanft. „Als Naturgeister tun wir unseren Dienst, bis das Moor uns wieder loslässt.“ „Es ist also wahr. Ihr lockt verlorene Wanderer in die Tiefen des Moors, auf dass sie nie mehr wiederkehren“, forderte er die Stimme heraus und konnte dabei sein Entsetzen nicht verbergen. „Wir helfen der Natur sich selbst zu schützen! Ich weiß du verstehst was ich sage. Du bist hier!“, schwirrten die sanften Töne durch seinen Kopf und der Wind fuhr zustimmend durch die dichten Baumwipfel. „Was soll das heißen? Ich verstehe nicht was du meinst,“ rief er aufgebracht in die Nacht hinein. „Zu fein ist das Zusammenspiel der Natur. Jede kleinste Veränderung zerstört sie ein wichtiges Stück weiter, bis nichts mehr bleibt. Noch stehen wir am Anfang und der Mensch bereift noch nicht was er tut. Er denkt sich als Dompteur der Natur aufspielen zu können und schreibt Gesetzte um, die längst unausweichlich feststehen. Mensch und Natur scheinen ein funktionierendes Gespann zu sein. Doch wie jede Unterdrückung wird auch diese ein böses Ende nehmen,“ erklärte sie ohne Aufregung in der Stimme. „Aber wer gibt euch das Recht zu entscheiden wer leben darf und wer streben muss?“, ereiferte er sich und vergaß dabei wie verloren er gerade war. „Wir sind die Wächter. Vertraue mir, du wirst begreifen. Du bist hier!“, hallte es zu ihm zurück und auf einmal wurde ihm das Gesagte in der Gänze seiner Bedeutung bewusst. „Wenn es eure Pflicht ist das Moor zu schützen, wieso hast du mich dann gerettet?“, fragte er mit einem Zwischengefühl aus Neugierde und Angst. In leisen Klängen flüsterte die Stimmen: „Weil ich die Hüterin der Seelen bin“. Damit erlosch das Flackern und mit ihm verwanden die haltenden Hände. In seinem Kopf erhob sich erneut das Tosen von zuvor. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl die Welt würde sich wild um ihn drehen und gleichzeitig still stehen. Er wusste nicht wohin ihm der Kopf stand und eine Welle aus Schmerz und Glück durchfuhr ihn. Als er wieder zur Ruhe kam, blickte er nach unten. Anstelle seines Herzen pochte ein grünes Licht. Er sah seinen leblosen Körper und verstand. Bis das Moor uns wieder loslässt…

Verstopfter Ablauf… Klempner gesucht!

Es gibt Tage an denen verliert man und es gibt Tage da gewinnen die anderen. Oder wie ein von mir hochgeschätzter Freund zu sagen pflegt: „Weißt du, manchmal bist du der Hund und manchmal bist du der Baum.“ Heute bin ich der Baum. Und nicht irgendein Baum. Gäbe es im Stadtpark einen Baum zu dem die Hundespaziergänger mit den weitaus zuvielsagenden Plastiktütchen an den Leinen wie gen Mekka pilgerten, wäre ich genau dieser Baum.

Ich habe ein ungutes Gefühl, der Schlummeralarm hätte mich längst schon wieder hochschrecken lassen müssen. Ich war darauf vorbereitet endgültig aus meinen Halbträumereien in die zuckersüße Wirklichkeit gerissen zu werden. Aber nichts. Es bleibt still. Langsam öffne ich meine Augen – die Sonne streicht über den Horizont und erste warme Strahlen umspielen die Fassaden der städtischen Skyline. Mit einem innerlichen Seufzer genieße ich angetan das mir gebotene Bild. Doch eigentlich weiß ich, dass es ist Zeit sich den Tatsachen zu stellen. Mein Zimmer ist viel zu tageslichtdurchflutet und ein konzentrierter Blick auf die Uhr macht klar, was längst feststand. Dem Schock folgt Resignation, folgt Tatendrang… Energisch schlage ich das Federbett nach hinten und schwinge mich mit dem falschen Fuß von der Matratze. Unkoordiniert irre ich umher bis ich beschließe mich kurz zu sammeln um weiter voranzukommen. Meine Toleranzgrenze liegt außerordentlich hoch, aber ein kurzer Blick in den Spiegel macht klar, dass ich um eine Kopfdusche nicht herumkomme. Aus zeitökonomischen Gründen stürze ich nur in Unterwäsche bekleidet Richtung Bad und bemerke die abgeschlossene Tür zu spät. Ich glaube mein linker großer Zeh ist gebrochen. Zumindest lockt der Aufprall den Badblockierer – seines Zeichen der neue Freund meiner Mitbewohnerin – aus dem „Versteck“. Peinlich berührt versuchen wir uns gegenseitig den Weg freizumachen um uns letztlich wieder im Weg zu stehen. Kaum den Riegel vorgeschoben, falle ich über den Brausekopf her. Mit der Haarpracht in der Wanne hängend, knie ich am Beckenrand. Unter Quietschen und Ächzen pumpe ich mühevoll den erbärmlichen Rest des Shampoos aus der Flasche. Verzweifelt versuchen meine Hände daraus ein ordentliches Schaumerzeugnis zu produzieren und scheitern kläglich. Langsam aber stetig fließt mir das wässrige Seifenblasen-Konklumerat ins linke Auge. Jede Rettung kommt zu spät. Es brennt. Höllisch. Halb blind hinke ich mit dem Handtuchturban auf dem Kopf in mein Zimmer. Im schonungslosen Kampf gegen die Zeit liege ich klar hinten. Schnell schlüpfe ich in Jeans und Shirt. Der prominent platzierte Ketschupfleck von gestern Abend ist mir dabei egal. Im Treppenhaus ist es noch dunkel. Ich taste nach dem Licht und merke schon beim Drücken des Kippschalters, dass es die falsche Wahl war. Nach der ersten Schrecksekunde laufe ich schnell nach unten. Das Adrenalin treibt mich voran. Ich fühle mich wieder wie damals als Kind oder 10 Jahre später als der Alkohol mich erneut zum Klingelputzer werden ließ. Frischer Ofenduft strömt durch das Treppenhaus. Ich atme tief ein bis ich satt bin. (Vor einigen Wochen hat mein Vermieter das Wandfarbenfachgeschäft im Erdgeschoss gegen einen Aufback-Bäckerladen getauscht.) Oben im vierten Stock riecht es sonst im besten Fall nach billigem Männer-Duschgel, wenn die benachbarte Bauarbeiterschar zum allabendlichen Akkord-Duschen antritt.

Beinahe täglich grüßt mich das Murmeltier, wenn ich den Laden betrete und die Bäckersfrau mich mit einem wissenden Lächeln fragt was ich möchte, obwohl sie weiß, dass ich „Eine Butterbreze – bitte“ sagen werden. Und jedes Mal wenn sie fragt, ob ich sonst noch einen Wunsch habe, weiß sie, dass ich „Nein danke, das war’s“ sagen werde. Und wenn Sie mir dann sagt, dass das eineurozehn macht, weiß sie, dass ich das Geld bereits abgezählt in der Hand halte. Wenn die Kasse klingelt wünschen wir uns noch einen schönen Tag und ich packe bereits beim Hinaustreten die Breze aus der so bäckertypischen braunen Tüte. Genau wegen diesem richtigen Verhältnis von Butter zu Breze, knusprig zu weich und salzig zu laugensüß investiere ich gerne meine täglichen 1,10 Euro in diese herausragende Brezenkunst. Leider weht neuerdings auch ein gelbes „DHL Paketshop“-Fähnchen über der Tür und sagt den Überlebenskampf an. Und wo die Post erst einmal ihre Krallen ins Fleisch geschlagen hat, lässt LottoTotto nicht mehr lange auf sich warten. Ehe man sich versieht tummeln sich schnapsgetränkte Longterm-Jogginghosenträger und schwängern die Luft mit dem Gestank von kaltem Rauch und billigem Old Spice. Die Zeit sitzt mir im Nacken. Wehmütig passiere ich „meinen“ Bäcker. Statt meinem morgendlichen Ritual erwartet mich nun ein Express-Frühstück beim Fastfood-Anbieter unter den Bäckern. Mitten im Epizentrum des Berufs- und Pendlerverkehrs stauen sich dort auf dem Umsteige-Bahnsteig die Hungrigen über die Ladentür hinaus. Das markerschütternde „Morgeeen!“ der patenten Thekenchefin gibt der Kundenschlange das Signal zum Vorrücken. Verkäufer 1 nimmt die Bestellung auf. Verkäufer 2 nimmt das Geld entgegen. Im Schlagtakt einer 8er-Herren-Ruderregatter werden die Backwaren- und Heißgetränke-Konsumenten abgespeist. In dicken, fetten Scheiben spreizt die Butter gewaltsam die beiden Brezenhälften auseinander. Genuss ist etwas anderes und von „mit Liebe gemacht“ kann keine Rede sein.

Unachtsam überquere ich vor Kinderaugen eine rote Ampel. Da hilft auch kein entschuldigender Dackelblick in Richtung Eltern. Die Fehltritte sind geschehen. Ein alter Opel Corsa schneidet mich gefährlich. Auf seiner Beifahrerseite prangt der Aufkleber „And the winner is… Jesus!“. Hastig nehme ich die Treppe zur U-Bahn und meine Halskette klopft mir schmerzhaft aufs Brustbein. Schon spüre ich den ersten Luftstoß der einfahrenden Bahn. Gerade noch zwänge ich mich ins vorderste Abteil. Völlig außer Atmen mit nassen Haaren und viel zu warm angezogen stehe ich im Abteil und erste Schweißperlen auf meiner Stirn. Meine Brille hält den Temperaturunterschied für ausreichend groß um glaubt anlaufen zu können und ich schiebe sie mir einer Sonnenbrille gleich ins Haar. Wieder mit freiem Sichtfeld entdecke ich SIE. Viele Male bin ich ihr schon begegnet – ihr der personifizierten Unsympathie, dem Bermuda-Dreieck jedweden Frohsinns. Allein ihr Anblick saugt mir wie die Dementoren bei Potter Harry die gute Laune aus. Übrig bleibt ein morgendliches Häufchen Elend meiner selbst. Von eher zierlich-knochiger Statur trägt sie ihr kinnlanges, silbergraues Haar streng in der Mitte gescheitelt. Ihre Haut ist so fahl als wären ihre Wangen noch nie vor Freude gerötet gewesen. Die ovalen Flaschenboden-Brillengläser sind von einem altmodisch-beigefarbenen Kunststoffgestell gerahmt. Lachfalten sucht man vergebens – lediglich der hängende, etwas zerknitterte Hautsack zwischen Kinn und Hals lässt auf ein fortgeschrittenes Alter schließen. Schwer ziehen die Mundwinkel nach unten und erinnern mit den vorgespannten Lippen im blassen Blau-Grau an ein Karpfenmaul. Mit mehr Pastell als Farbe ist die Bluse von den zahlreichen Waschgängen der letzten 25 Jahren stark gezeichnet. Schrecklich bieder kommen die Falten des dunkelblauen 7/8 Rockes daher. Selbst ihre Storchenbeine stecken völlig spaßbefreit in den Pelzstiefeln. Der Geh- / Stütz- und sicherlich auch als Schlagstock gebrauchte Regenschirm bildet vor ihr abgestellt ein gleichschenkliges Dreieck mit den Fußspitzen. Krampfhaft umklammern ihre Hände den Knauf. Der Blick ist starr nach vorne gerichtet. Hätten die grauen Herren bei Momo eine garstige Schwiegermutter – so sähe sie aus.

In penetranter Mono-Dauerschleife schwirrt laut eine Kindersingstimme durch den Wagen. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus! Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus! Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“… Erst jetzt bemerke ich, dass wir immer noch an der Haltestelle stehen. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“ Den Mitfahrern steht die morgendliche Gereiztheit offenkundig ins Gesicht geschrieben. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“ Selbst die Frau mit dem goldig glitzernden Schriftzug „SMILE ONCE A DAY“ auf dem Oberteil verrät mit der Verbissenheit mit der sie ihren Kaugummi kaut nichts Gutes. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“ Der Aufdruck scheint weniger eine Aufforderung zum Lächeln als vielmehr eine Reglementierung zu sein. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“ Vielleicht hat sie ihr Lächel-Kontingent für heute gleich am Morgen nach dem Aufstehen verbraten. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“ Oder sie will sich ihr Tageslächeln für den Abend aufsparen, weil sie Gäste zum Essen erwartet. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“. Viel zu übertrieben fährt sie herum und schießt giftige Todesblicke in Richtung Vater-Sohn-Gespann. „Konstantin!“ – „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“, „Kon-stan-tin!“ – „Die Uuuuu-Bahn“, „KON-STAN-TIN, hör‘ bitte auf!“. „Aber warum darf ich das nicht?“ – Mit so viel Schlagfertigkeit hatte der Vater nicht gerechnet und bleibt die Antwort schuldig. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“, „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“… Ein Lautsprecherknacken schafft Ablenkung und verkündet, dass es wegen Personenschaden zu Verzögerungen im gesamten Schienenverkehr von 15 bis 20 Minuten kommt. Es folgt ein echauffiertes Raunen der Menge begleitet von spontanen Frustergüssen. „Das darf doch jetzt nicht wahr sein!“ „Können die nicht einfach Schlaftabletten nehmen!“ „Dass die nie an die ganzen Pendler denken!“ Während Miss Glitter erbost ihre Handtasche neben sich auf den Sitz knallt und unter aggressivem Stöhnen die Arme vor der Brust verschränkt, pustet die graue Dame so entnervt vor sich hin, dass ich ihr am liebsten die Mimik aus dem Gesicht schlagen möchte. Aber ich denke Gewalt ist tatsächlich keine Lösung.

Auf dem Bahnsteig haben sich bereits erste Raucher versammelt und begrüßen die unverhoffte Pause der Sucht zu frönen. Unter lautem Grummeln macht sich nun mein Hunger bemerkbar. Gerade als ich beschließe das neue Zeitfenster mit etwas Essbarem zu füllen, werde ich von der plötzlichen Hysterie der Masse hinfort getragen. Vom urzeitlichen Konkurrenzdenken getrieben, ist Zurückbleiben keine Option. Wie die Tiere einer blökenden Schafherde reiben sie sich dicht gedrängt aneinander vorbei. Am Ausgang strömen sie in alle Richtungen davon. „May the fittest survive!“ Ich entscheide mich für Alternative Bus. Mit den Beinen in der Hand gehe ich auf die Jagd. Aus dem Schilderwald bricht ein Expressbus heraus. Vorsicht ist geboten. Unten den Chauffeuren des Personenverkehrs sind die Expressbusfahrer als eine ganz eigene Gattung herauszustellen. Ihre natürlichen Feinde sind Menschen mit Gehbehinderungen jedweder Art, ältere Mitbürger im Allgemeinen und Familien mit Nachwuchs im Kinderwagen-Alter. Ausgebildet auf einer Spezial-Schule diktiert sie der Fahrplan ohne jegliches Mitgefühl. In Fächern wie „Täuschen & Tarnen“ trainieren sie das richtige Timing dem Möchtegern-Fahrgast die Tür direkt vor der Nase zuzuschlagen. Und im Praxisteil der Abschlussprüfung gilt es den hinterherlaufenden Passagier im Pylonen-Parcours abzuhängen. Ich habe Glück. Mein Fahrer war wohl nie der Klassenprimus. In aerodynamischen Körperwindungen schiebe ich mich mit der Schulter voraus gerade noch in den Bus. Mit angezogenem Bauch und die Füße jeweils akkurat um 90° nach außen gedreht, biege ich mich aus der Lichtschranke. Im Geiste danke ich Frau Holzhammer für die jahrelange Schikane in der Ballettschule – wer hätte gedacht, dass mir der Tanzunterricht einmal einen Vorteil im städtischen Überlebenskampf verschafft. Mit pointiertem Gepiepse kündigt die Tür nun seelenruhig ihren Schließvorgang an und die beiden Hälfen schieben sich zu einem Ganzen zusammen. Ein kurzer Ruck und die Häuser beginnen sich langsam zu bewegen und werden schneller und schneller. Ganz kurz sehe ich ein Eichhörnchen. Neidisch beobachte ich wie es im Grünstreifen von Ast zu Ast segelt. Wie anstrengend das wohl sein muss. Ich bekomme Angst, dass es sich am höchsten Punkt überschätzt und von der Kraft verlassen auf den Boden fällt.

Aufgereiht wie Dickmann’s Schokoküsse in der praktischen Frischebox stehen wir Kopf an Kopf. Ich spiele mit dem Gedanken einfach kurz die Beine anzuheben. Zweifle aber an der Standhaftigkeit meiner Mitreisenden. Als Untertitel der aktuellen Szene ziert der Markenname „Platzangst“ den Kragen der roten Outdoor-Jacke zu meiner Linken. Ich denke noch „Wie Passend!“ da erhebt sich ein lautes Tosen in meinen Ohren. Ein Meer aus schäumendem Rauschen spült meinen Kopf leer. Hungrig resigniert mein Magen nach kurzem Krampfen. Die Ränder färben sich schwarz. Meine Beine halten mich jetzt nicht mehr und auch sonst nichts. Es wird dunkel und vollkommen still. Mit absoluter Sicherheit würde ich die fallende Stecknadel hören, doch wer hat heute noch Zeit sie im Heuhaufen zu suchen? Nur irgendwo ganz weit in der Ferne stimmt Konstantin sein Wiegenlied an: „Die Uuuu-Bahn / ruuuuht sich / WIIIIE-der aus!…“