Hobbes 2.0

Schon beim Betreten des Büros schlägt mir der beißende Geruch der anderen Pisser entgegen. Ich kann sie allesamt nicht leiden, aber was macht das schon. „Mit gehangen, mit gefangen“ oder wie heißt es so schön? Zumindest auf eine ist Verlass. Beschwingten Schrittes kommt mir Sabine auf dem Flur entgegen. Hinter ihrem Kopf wedelt freudig der blonde Pferdeschwanz im Takt des Absatzklackens hin und her. Mit einem wissenden Lächeln hält sie mir meine erste Ration Kaffee unter die Nase. Das hilft.

Drei auf drei Meter und davor ein Schild mit meinem Namen. Eine Augenweide ist mein Büro wahrlich nicht. Der Teppich in Anthrazit ist an manchen Stellen schon stärker von der Sonne ausgeblichen als an anderen und hinten in der Ecke sind immer noch die Spuren eines „Kaffee-Unfalls“ von vor zwei Jahren zu sehen. Sämtliches Geschrubbte und Geputzte hat nichts geholfen, der Fleck hat sich tief hineingefressen. Aber besser als im Großraumbüro mit den anderen Zirkusäffchen in ihren Zwei-auf-zwei-Meter-Boxen zu sitzen. Die Nase am PC und trotz „paperless office“ kaum hinter ihren Papierstapeln zu sehen. Wobei es mit diesen neuen Glaswänden schon fraglich ist, wer hier wirklich der Affe ist. Zumindest riecht es bei mir immer leicht nach Zitrone, fast so als würden der Boden die eingerubbelten Reiniger von damals wie ein überdimensionaler Duftspender wieder langsam an seine Umgebung abgeben. Der PC ist noch an. Das spart schon einmal ein paar Minuten am Morgen. Ein kurzes Aufflimmern. 58 ungelesene Nachrichten. Auf dem Bildschirm sehe ich wie mein Spiegelbild die rechte Oberlippe nach oben zieht und mir die Zähne zeigt.

Pünktlich um 8:57 Uhr klingelt das Telefon. Völlig monoton und doch so unaufhörlich aufdringlich, dass es nicht zu ignorieren ist. Bluetooth sei Dank kann ich zumindest während der Gespräche im Büro hin- und hergehen. Beim Blick aus dem Fenster schneiden die vormals noch weißen, doch mit der Zeit schon leicht vergilbten Lamellen-Jalousie mit dem Flair einer Arztpraxis die Welt draußen in portionsgerechte Scheibchen. Heute ist es bewölkt und alles ist grau in grau. Bei schönem Wetter malen sie ein Wechselspiel aus Licht und Schatten auf den Boden. Dann kommt es mir vor, als würde ich in einem Käfig stehen, der hoch über den Dächer als neue Attraktion der Stadt hängt. Langsam macht sich der Kaffee bemerkbar. Zur Erleichterung richte ich den Strahl zielsicher auf die kleine Yucca-Palme in der Ecke. Schnell sickert der Urin ein bis nur noch ein dunkler, feuchter Fleck auf der Erde die Stelle des Eindringens markiert. Ich atme tief ein – ah das tut gut. Nach und nach breitet sich der Duft im ganzen Raum aus. Mein Büro. Meine Regeln.

Mit meinem nächsten Kaffee und dem aktuellen Report in der Hand kommt Rufus herein geschlichen. Wie jeden Morgen rieche ich die Bananenmilch in seinem Atem als er mir über meinen rechten Mundwinkel schleckt. Den Report legt er auf dem Schreibtisch ab, den Kaffee nehme ich ihm direkt aus der Hand. Zufrieden stelle ich fest, dass er endlich verstanden hat, wie ein guter Kaffee zu sein hat. Frisch gemahlen, kurz aufgebrüht, ohne Milch, dafür aber mit einem kleinen Teelöffel braunem Zucker. Die Kunst ist es, genau so lange zu rühren bis sich der Zucker restlos aufgelöst hat. Dann hat der Kaffee die richtige Trinktemperatur und Süße. „Na Rufus, du alter Speichellecker.“ In der Tür steht Marc – der Abteilungsleiter. Sofort wirft Rufus sich auf den Boden und rollt sich auf den Rücken, genau da, wo der Kaffee-Fleck ist. Dabei hängt ihm seine blau-grau schattierte Krawatte wie eine überlange Zunge über die Schulter. „Halb 2, Konfi 5.“ Ich mache mir gar nicht erst die Mühe zu antworten. Marc ist längst weg. Zurück bleibt ein Duftgemenge aus Birnenblättern, Minze, Zedernholz, einem Hauch Pinie und heute einem blumig-süßen Frauen-Parfüm. Das trägt normalerweise Jessy. Auf der Schreibtisch-Oberfläche erscheint die Hand von Rufus, der sich gerade wieder vom Boden hochhievt. Seine speckige Form lässt ihn weich und schwach wirken. Keuchend bleibt er zurück als ich mich auf den Weg mache.

12 Uhr. Fütterungszeit. Schon von weitem macht sich der Geruch von heißem Fritierfett, den Gasbrennern unter den Wärmebehältern und Rausgebackenem in den Gängen bemerkbar. Durch die große Glastür dringen Geschirrklappern und dumpfes Gemurmel. Für meinen Geschmack ist hier schon wieder viel zu viel los, aber konditioniert wie ein Pawlowscher Hund treibt es nun einmal alle zur gleichen Zeit in die Kantine. Zumindest lassen die vermehrten Vegetarier und Bewusst-Esser die Warteschlange bei den Fleischgerichten immer kürzer werden. Heute. Dienstag. Steak mit wahlweise Bratkartoffel, Pommes oder Reis 4,65 Euro. Beilagensalat 0,95 Euro. Mit vollgeladenem Tablett scanne ich die Tische. Im hinteren Bereich haben sich wie immer die Praktikanten zusammengerottet. Beim Fenster sitzt das Controlling gleich neben Marketing und HR. Ich habe keine Lust auf leeres Geschwafel und steuere einen freien Tisch nahe dem Mittelgang an. Gerade als ich zum Besteck greife, zieht sich der Stuhl neben mir zurück. Ich kenne das Gesicht nicht und es mir auch egal. Ein tiefes Knurren entfährt meiner Kehle – wie auf Kommando stellen sich meine Nacken- und Armhaare auf. „Hallo, ich bin Volker. Ich bin…“ Obwohl ich nur leicht zuschnappe, spüre ich wie sich meine Zähne in seinen weichen Nacken graben. Zuerst durch die ersten Hautschichten und dann tiefer bis ich eine Mischung aus billigem Eau-de-Toilette und Blut auf meiner Zunge schmecke. Fast so als würde ich ein Cent-Stück als Bonbon lutschen. Er macht einen erschrockenen Satz zurück und kippt dabei den Stuhl um. Rasselnd schlägt die stählernen Lehne auf dem Fliesenboden auf und trippelt einige Mal auf und nieder. Er steht da mit der Hand auf der Stelle, wo bis vor wenige Augenblicke meine Zähne noch ihre Spuren hinterlassen haben. Durch die Ritzen zwischen seinen Finger quillt langsam das Blut und rinnt in dünnen Bahnen über den Handrücken und den Unterarm entlang bis es unregelmäßig auf den Boden tropft. Langsam geht er rückwärts und verkriecht sich dann in Richtung Toiletten. Ein letzter kritischer Blick in die Runde. Keine weiteren Eindringlinge. Beim ersten Schnitt durch das Steak läuft unten der dunkelrote Saft aus Blut und Fett aus dem Fleisch. Genau wie ich es mag. Stück für Stück schlinge ich es hinunter. Auch das von Volker. Meinen leeren Teller stelle ich auf das Kantinen-Rückgabeband und schicke ihn auf eine Reise in die Industrie-Spülmaschine. Bevor ich wieder in mein Büro zurückgehe, gönne ich mir noch eine Tasse Kaffee. Noch vier Stunden bis zum Feierabend.

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