„Herzflimmern“

Er mochte das Moor – schon früher war er oft mit seinem Vater hierher gekommen. Für ihn war es ein ganz besonderer Ort und er verstand nicht weshalb die anderen es so mieden. In den letzten Jahren war er viel herumgekommen. Aber nirgends fand er so zu sich selbst wie hier oben inmitten der dunklen Wälder. Stundenlang saß er am Kolksee und versuchte dem Moor sein Geheimnis zu entlocken.

Doch heute war es anderes. Noch nie hatte er sich so verloren gefühlt. Schon seit Stunden irrte er umher. Die Dämmerung war längst der Nacht gewichen und seine Kräfte verließen ihn langsam. Völlig erschöpft sank er auf einen verwitterten Baumstumpf. Seine müden Augenlider zogen schwer nach unten. Er kämpfte dagegen an, denn er wusste, dass er zu dieser Jahreszeit eine Nacht hier nicht überleben würde. Plötzlich. Ein kurzes Flackern in der Ferne. Zuerst ganz leicht. Dann ganz klar. Sofort war er hellwach. Neuen Mutes folgte er dem Schein. Aber so schnell wie er gekommen war, war er wieder verschwunden. Doch der rote Schimmer hatte sich wie ein fixer Zielpunkt auf seine Netzhaut gebrannt. Hastig eilte er ihm nach, bis es zu spät war. Knietief steckte er bereits im gierigen Schlamm, welcher sich rasch mehr und mehr von ihm holte. Er schrie nicht und er wehrte sich nicht. Zu gut kannte er das Moor. Er schloss nur die Augen und wartete. Immer höher kroch die Kälte bis sie ihm fast die Luft raubte. Da spürte er zwei Hände wie sie unter seine Arme griffen und ihn nach oben zogen.

Doch als er die Augen öffnete, sah er nur wieder das Flackern von zuvor. Er begriff nicht. Noch immer hielten ihn die Hände. Doch er sah nur das Licht und darum war Dunkelheit. Ein Rauschen durchfuhr ihn und aus einem hellen Säuseln in seinem Kopf formten sich leise Worte. „Du bist hier.“ Obwohl er die Stimme nicht richtig verstand, war sie das schönste, was er je gehört hatte. Er wollte rufen, doch aus seiner Kehle kam nur ein klägliches Krächzen. In diesem Augenblick schoben die Wolken den Mond frei und vor ihm erstand eine kaum erkennbare Menschengestalt. Wie die flimmernde Luft an einem heißen Sommertag spiegelte sie sich schwach im weißen Lichtschein. Ihm stockte der Atmen. „Wer bist du?“ stieß er schließlich hervor. „Wieso fragst du?“, antwortete ihm die Stimme mit der Gutmütigkeit wie sie nur eine Mutter ihrem Kind entgegen kann. Eine seltsame Ruhe breitete sich in ihm aus. Fast schon benebelt von dieser Schwere hob er erneut an „Sage mir doch wer du bist!“. Geduldig ertönte die selbe Antwort wie zuvor. „Wieso fragst du?“ „Weil ich wissen will wer oder was du bist“, platzte es aus ihm heraus. „Aber das weißt du doch!“ erwiderte ihm die Stimme ruhig. „Woher soll ich denn wissen wer du bist?“, klagte er verzweifelt.

Da er keine Antwort erhielt, sprach er um in der Stille nicht den Verstand zu verlieren „Ich habe so etwas noch nie gesehen. Du bist wie der durchsichtige Schatten eines Menschen und doch kann ich dich spüren. Alles fühlt sich kalt an, aber dein hämmerndes Licht zieht mich mit seiner Wärme in einen Bann und lässt mich nicht mehr klar denken. Also sage mir nicht, dass ich weiß wer du bist!“ Die letzten Worte schrie er schon beinahe. Hämisch schallte ihm nur weiter eine grausame Stille entgegen. Da packte ihn die Wut „Du bist Schuld. Du hast mich ins Moor geführt. Deinetwegen wäre ich fast umgekommen. Sage mir jetzt wer du bist! Du bist nicht von hier! Du kannst nicht von dieser Welt sein! Du musst… du… du bist ein Irrlicht!“, ganz plötzlich traf ihn die Erkenntnis. „Ich habe diese Geschichten immer für einen Mythos gehalten. Für Aberglauben. Für Narren-Geschwätz.“ „Wir sind Seelen, deren Aufgabe hier auf dieser Welt noch nicht zu Ende ist“, unterbrach ihn die Stimme sanft. „Als Naturgeister tun wir unseren Dienst, bis das Moor uns wieder loslässt.“ „Es ist also wahr. Ihr lockt verlorene Wanderer in die Tiefen des Moors, auf dass sie nie mehr wiederkehren“, forderte er die Stimme heraus und konnte dabei sein Entsetzen nicht verbergen. „Wir helfen der Natur sich selbst zu schützen! Ich weiß du verstehst was ich sage. Du bist hier!“, schwirrten die sanften Töne durch seinen Kopf und der Wind fuhr zustimmend durch die dichten Baumwipfel. „Was soll das heißen? Ich verstehe nicht was du meinst,“ rief er aufgebracht in die Nacht hinein. „Zu fein ist das Zusammenspiel der Natur. Jede kleinste Veränderung zerstört sie ein wichtiges Stück weiter, bis nichts mehr bleibt. Noch stehen wir am Anfang und der Mensch bereift noch nicht was er tut. Er denkt sich als Dompteur der Natur aufspielen zu können und schreibt Gesetzte um, die längst unausweichlich feststehen. Mensch und Natur scheinen ein funktionierendes Gespann zu sein. Doch wie jede Unterdrückung wird auch diese ein böses Ende nehmen,“ erklärte sie ohne Aufregung in der Stimme. „Aber wer gibt euch das Recht zu entscheiden wer leben darf und wer streben muss?“, ereiferte er sich und vergaß dabei wie verloren er gerade war. „Wir sind die Wächter. Vertraue mir, du wirst begreifen. Du bist hier!“, hallte es zu ihm zurück und auf einmal wurde ihm das Gesagte in der Gänze seiner Bedeutung bewusst. „Wenn es eure Pflicht ist das Moor zu schützen, wieso hast du mich dann gerettet?“, fragte er mit einem Zwischengefühl aus Neugierde und Angst. In leisen Klängen flüsterte die Stimmen: „Weil ich die Hüterin der Seelen bin“. Damit erlosch das Flackern und mit ihm verwanden die haltenden Hände. In seinem Kopf erhob sich erneut das Tosen von zuvor. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl die Welt würde sich wild um ihn drehen und gleichzeitig still stehen. Er wusste nicht wohin ihm der Kopf stand und eine Welle aus Schmerz und Glück durchfuhr ihn. Als er wieder zur Ruhe kam, blickte er nach unten. Anstelle seines Herzen pochte ein grünes Licht. Er sah seinen leblosen Körper und verstand. Bis das Moor uns wieder loslässt…

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