Verstopfter Ablauf… Klempner gesucht!

Es gibt Tage an denen verliert man und es gibt Tage da gewinnen die anderen. Oder wie ein von mir hochgeschätzter Freund zu sagen pflegt: „Weißt du, manchmal bist du der Hund und manchmal bist du der Baum.“ Heute bin ich der Baum. Und nicht irgendein Baum. Gäbe es im Stadtpark einen Baum zu dem die Hundespaziergänger mit den weitaus zuvielsagenden Plastiktütchen an den Leinen wie gen Mekka pilgerten, wäre ich genau dieser Baum.

Ich habe ein ungutes Gefühl, der Schlummeralarm hätte mich längst schon wieder hochschrecken lassen müssen. Ich war darauf vorbereitet endgültig aus meinen Halbträumereien in die zuckersüße Wirklichkeit gerissen zu werden. Aber nichts. Es bleibt still. Langsam öffne ich meine Augen – die Sonne streicht über den Horizont und erste warme Strahlen umspielen die Fassaden der städtischen Skyline. Mit einem innerlichen Seufzer genieße ich angetan das mir gebotene Bild. Doch eigentlich weiß ich, dass es ist Zeit sich den Tatsachen zu stellen. Mein Zimmer ist viel zu tageslichtdurchflutet und ein konzentrierter Blick auf die Uhr macht klar, was längst feststand. Dem Schock folgt Resignation, folgt Tatendrang… Energisch schlage ich das Federbett nach hinten und schwinge mich mit dem falschen Fuß von der Matratze. Unkoordiniert irre ich umher bis ich beschließe mich kurz zu sammeln um weiter voranzukommen. Meine Toleranzgrenze liegt außerordentlich hoch, aber ein kurzer Blick in den Spiegel macht klar, dass ich um eine Kopfdusche nicht herumkomme. Aus zeitökonomischen Gründen stürze ich nur in Unterwäsche bekleidet Richtung Bad und bemerke die abgeschlossene Tür zu spät. Ich glaube mein linker großer Zeh ist gebrochen. Zumindest lockt der Aufprall den Badblockierer – seines Zeichen der neue Freund meiner Mitbewohnerin – aus dem „Versteck“. Peinlich berührt versuchen wir uns gegenseitig den Weg freizumachen um uns letztlich wieder im Weg zu stehen. Kaum den Riegel vorgeschoben, falle ich über den Brausekopf her. Mit der Haarpracht in der Wanne hängend, knie ich am Beckenrand. Unter Quietschen und Ächzen pumpe ich mühevoll den erbärmlichen Rest des Shampoos aus der Flasche. Verzweifelt versuchen meine Hände daraus ein ordentliches Schaumerzeugnis zu produzieren und scheitern kläglich. Langsam aber stetig fließt mir das wässrige Seifenblasen-Konklumerat ins linke Auge. Jede Rettung kommt zu spät. Es brennt. Höllisch. Halb blind hinke ich mit dem Handtuchturban auf dem Kopf in mein Zimmer. Im schonungslosen Kampf gegen die Zeit liege ich klar hinten. Schnell schlüpfe ich in Jeans und Shirt. Der prominent platzierte Ketschupfleck von gestern Abend ist mir dabei egal. Im Treppenhaus ist es noch dunkel. Ich taste nach dem Licht und merke schon beim Drücken des Kippschalters, dass es die falsche Wahl war. Nach der ersten Schrecksekunde laufe ich schnell nach unten. Das Adrenalin treibt mich voran. Ich fühle mich wieder wie damals als Kind oder 10 Jahre später als der Alkohol mich erneut zum Klingelputzer werden ließ. Frischer Ofenduft strömt durch das Treppenhaus. Ich atme tief ein bis ich satt bin. (Vor einigen Wochen hat mein Vermieter das Wandfarbenfachgeschäft im Erdgeschoss gegen einen Aufback-Bäckerladen getauscht.) Oben im vierten Stock riecht es sonst im besten Fall nach billigem Männer-Duschgel, wenn die benachbarte Bauarbeiterschar zum allabendlichen Akkord-Duschen antritt.

Beinahe täglich grüßt mich das Murmeltier, wenn ich den Laden betrete und die Bäckersfrau mich mit einem wissenden Lächeln fragt was ich möchte, obwohl sie weiß, dass ich „Eine Butterbreze – bitte“ sagen werden. Und jedes Mal wenn sie fragt, ob ich sonst noch einen Wunsch habe, weiß sie, dass ich „Nein danke, das war’s“ sagen werde. Und wenn Sie mir dann sagt, dass das eineurozehn macht, weiß sie, dass ich das Geld bereits abgezählt in der Hand halte. Wenn die Kasse klingelt wünschen wir uns noch einen schönen Tag und ich packe bereits beim Hinaustreten die Breze aus der so bäckertypischen braunen Tüte. Genau wegen diesem richtigen Verhältnis von Butter zu Breze, knusprig zu weich und salzig zu laugensüß investiere ich gerne meine täglichen 1,10 Euro in diese herausragende Brezenkunst. Leider weht neuerdings auch ein gelbes „DHL Paketshop“-Fähnchen über der Tür und sagt den Überlebenskampf an. Und wo die Post erst einmal ihre Krallen ins Fleisch geschlagen hat, lässt LottoTotto nicht mehr lange auf sich warten. Ehe man sich versieht tummeln sich schnapsgetränkte Longterm-Jogginghosenträger und schwängern die Luft mit dem Gestank von kaltem Rauch und billigem Old Spice. Die Zeit sitzt mir im Nacken. Wehmütig passiere ich „meinen“ Bäcker. Statt meinem morgendlichen Ritual erwartet mich nun ein Express-Frühstück beim Fastfood-Anbieter unter den Bäckern. Mitten im Epizentrum des Berufs- und Pendlerverkehrs stauen sich dort auf dem Umsteige-Bahnsteig die Hungrigen über die Ladentür hinaus. Das markerschütternde „Morgeeen!“ der patenten Thekenchefin gibt der Kundenschlange das Signal zum Vorrücken. Verkäufer 1 nimmt die Bestellung auf. Verkäufer 2 nimmt das Geld entgegen. Im Schlagtakt einer 8er-Herren-Ruderregatter werden die Backwaren- und Heißgetränke-Konsumenten abgespeist. In dicken, fetten Scheiben spreizt die Butter gewaltsam die beiden Brezenhälften auseinander. Genuss ist etwas anderes und von „mit Liebe gemacht“ kann keine Rede sein.

Unachtsam überquere ich vor Kinderaugen eine rote Ampel. Da hilft auch kein entschuldigender Dackelblick in Richtung Eltern. Die Fehltritte sind geschehen. Ein alter Opel Corsa schneidet mich gefährlich. Auf seiner Beifahrerseite prangt der Aufkleber „And the winner is… Jesus!“. Hastig nehme ich die Treppe zur U-Bahn und meine Halskette klopft mir schmerzhaft aufs Brustbein. Schon spüre ich den ersten Luftstoß der einfahrenden Bahn. Gerade noch zwänge ich mich ins vorderste Abteil. Völlig außer Atmen mit nassen Haaren und viel zu warm angezogen stehe ich im Abteil und erste Schweißperlen auf meiner Stirn. Meine Brille hält den Temperaturunterschied für ausreichend groß um glaubt anlaufen zu können und ich schiebe sie mir einer Sonnenbrille gleich ins Haar. Wieder mit freiem Sichtfeld entdecke ich SIE. Viele Male bin ich ihr schon begegnet – ihr der personifizierten Unsympathie, dem Bermuda-Dreieck jedweden Frohsinns. Allein ihr Anblick saugt mir wie die Dementoren bei Potter Harry die gute Laune aus. Übrig bleibt ein morgendliches Häufchen Elend meiner selbst. Von eher zierlich-knochiger Statur trägt sie ihr kinnlanges, silbergraues Haar streng in der Mitte gescheitelt. Ihre Haut ist so fahl als wären ihre Wangen noch nie vor Freude gerötet gewesen. Die ovalen Flaschenboden-Brillengläser sind von einem altmodisch-beigefarbenen Kunststoffgestell gerahmt. Lachfalten sucht man vergebens – lediglich der hängende, etwas zerknitterte Hautsack zwischen Kinn und Hals lässt auf ein fortgeschrittenes Alter schließen. Schwer ziehen die Mundwinkel nach unten und erinnern mit den vorgespannten Lippen im blassen Blau-Grau an ein Karpfenmaul. Mit mehr Pastell als Farbe ist die Bluse von den zahlreichen Waschgängen der letzten 25 Jahren stark gezeichnet. Schrecklich bieder kommen die Falten des dunkelblauen 7/8 Rockes daher. Selbst ihre Storchenbeine stecken völlig spaßbefreit in den Pelzstiefeln. Der Geh- / Stütz- und sicherlich auch als Schlagstock gebrauchte Regenschirm bildet vor ihr abgestellt ein gleichschenkliges Dreieck mit den Fußspitzen. Krampfhaft umklammern ihre Hände den Knauf. Der Blick ist starr nach vorne gerichtet. Hätten die grauen Herren bei Momo eine garstige Schwiegermutter – so sähe sie aus.

In penetranter Mono-Dauerschleife schwirrt laut eine Kindersingstimme durch den Wagen. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus! Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus! Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“… Erst jetzt bemerke ich, dass wir immer noch an der Haltestelle stehen. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“ Den Mitfahrern steht die morgendliche Gereiztheit offenkundig ins Gesicht geschrieben. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“ Selbst die Frau mit dem goldig glitzernden Schriftzug „SMILE ONCE A DAY“ auf dem Oberteil verrät mit der Verbissenheit mit der sie ihren Kaugummi kaut nichts Gutes. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“ Der Aufdruck scheint weniger eine Aufforderung zum Lächeln als vielmehr eine Reglementierung zu sein. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“ Vielleicht hat sie ihr Lächel-Kontingent für heute gleich am Morgen nach dem Aufstehen verbraten. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“ Oder sie will sich ihr Tageslächeln für den Abend aufsparen, weil sie Gäste zum Essen erwartet. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“. Viel zu übertrieben fährt sie herum und schießt giftige Todesblicke in Richtung Vater-Sohn-Gespann. „Konstantin!“ – „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“, „Kon-stan-tin!“ – „Die Uuuuu-Bahn“, „KON-STAN-TIN, hör‘ bitte auf!“. „Aber warum darf ich das nicht?“ – Mit so viel Schlagfertigkeit hatte der Vater nicht gerechnet und bleibt die Antwort schuldig. „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“, „Die Uuuuu-Bahn / ruuuuu-ht sich aus!“… Ein Lautsprecherknacken schafft Ablenkung und verkündet, dass es wegen Personenschaden zu Verzögerungen im gesamten Schienenverkehr von 15 bis 20 Minuten kommt. Es folgt ein echauffiertes Raunen der Menge begleitet von spontanen Frustergüssen. „Das darf doch jetzt nicht wahr sein!“ „Können die nicht einfach Schlaftabletten nehmen!“ „Dass die nie an die ganzen Pendler denken!“ Während Miss Glitter erbost ihre Handtasche neben sich auf den Sitz knallt und unter aggressivem Stöhnen die Arme vor der Brust verschränkt, pustet die graue Dame so entnervt vor sich hin, dass ich ihr am liebsten die Mimik aus dem Gesicht schlagen möchte. Aber ich denke Gewalt ist tatsächlich keine Lösung.

Auf dem Bahnsteig haben sich bereits erste Raucher versammelt und begrüßen die unverhoffte Pause der Sucht zu frönen. Unter lautem Grummeln macht sich nun mein Hunger bemerkbar. Gerade als ich beschließe das neue Zeitfenster mit etwas Essbarem zu füllen, werde ich von der plötzlichen Hysterie der Masse hinfort getragen. Vom urzeitlichen Konkurrenzdenken getrieben, ist Zurückbleiben keine Option. Wie die Tiere einer blökenden Schafherde reiben sie sich dicht gedrängt aneinander vorbei. Am Ausgang strömen sie in alle Richtungen davon. „May the fittest survive!“ Ich entscheide mich für Alternative Bus. Mit den Beinen in der Hand gehe ich auf die Jagd. Aus dem Schilderwald bricht ein Expressbus heraus. Vorsicht ist geboten. Unten den Chauffeuren des Personenverkehrs sind die Expressbusfahrer als eine ganz eigene Gattung herauszustellen. Ihre natürlichen Feinde sind Menschen mit Gehbehinderungen jedweder Art, ältere Mitbürger im Allgemeinen und Familien mit Nachwuchs im Kinderwagen-Alter. Ausgebildet auf einer Spezial-Schule diktiert sie der Fahrplan ohne jegliches Mitgefühl. In Fächern wie „Täuschen & Tarnen“ trainieren sie das richtige Timing dem Möchtegern-Fahrgast die Tür direkt vor der Nase zuzuschlagen. Und im Praxisteil der Abschlussprüfung gilt es den hinterherlaufenden Passagier im Pylonen-Parcours abzuhängen. Ich habe Glück. Mein Fahrer war wohl nie der Klassenprimus. In aerodynamischen Körperwindungen schiebe ich mich mit der Schulter voraus gerade noch in den Bus. Mit angezogenem Bauch und die Füße jeweils akkurat um 90° nach außen gedreht, biege ich mich aus der Lichtschranke. Im Geiste danke ich Frau Holzhammer für die jahrelange Schikane in der Ballettschule – wer hätte gedacht, dass mir der Tanzunterricht einmal einen Vorteil im städtischen Überlebenskampf verschafft. Mit pointiertem Gepiepse kündigt die Tür nun seelenruhig ihren Schließvorgang an und die beiden Hälfen schieben sich zu einem Ganzen zusammen. Ein kurzer Ruck und die Häuser beginnen sich langsam zu bewegen und werden schneller und schneller. Ganz kurz sehe ich ein Eichhörnchen. Neidisch beobachte ich wie es im Grünstreifen von Ast zu Ast segelt. Wie anstrengend das wohl sein muss. Ich bekomme Angst, dass es sich am höchsten Punkt überschätzt und von der Kraft verlassen auf den Boden fällt.

Aufgereiht wie Dickmann’s Schokoküsse in der praktischen Frischebox stehen wir Kopf an Kopf. Ich spiele mit dem Gedanken einfach kurz die Beine anzuheben. Zweifle aber an der Standhaftigkeit meiner Mitreisenden. Als Untertitel der aktuellen Szene ziert der Markenname „Platzangst“ den Kragen der roten Outdoor-Jacke zu meiner Linken. Ich denke noch „Wie Passend!“ da erhebt sich ein lautes Tosen in meinen Ohren. Ein Meer aus schäumendem Rauschen spült meinen Kopf leer. Hungrig resigniert mein Magen nach kurzem Krampfen. Die Ränder färben sich schwarz. Meine Beine halten mich jetzt nicht mehr und auch sonst nichts. Es wird dunkel und vollkommen still. Mit absoluter Sicherheit würde ich die fallende Stecknadel hören, doch wer hat heute noch Zeit sie im Heuhaufen zu suchen? Nur irgendwo ganz weit in der Ferne stimmt Konstantin sein Wiegenlied an: „Die Uuuu-Bahn / ruuuuht sich / WIIIIE-der aus!…“

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