In vino veritas!

Liebe Heimat,

gibt es denn einen geeigneteren Ort, um Chile langsam Lebewohl zu sagen, als ein gediegenes Weingut nahe dem vielversprechenden Kleinstadt Casablanca? Ich möchte es bezweifeln. Trotz mehrfachen Anpreisens der örtlichen Taxidienstleistungen seitens des äußerst gesprächigen Busfahrers, der äußersters netten Touri-Tante und der äußerst korpulenten Passantin, haben wir es gewagt das ZWEI Kilometer entfernte Weingut „Casas del Bosque“ auf dem Fußweg aufzusuchen – was auch dem Sicherheitspersonal an der Autoeinfahrtsschranke ein leichtes Grinsen entlockte, als wir marschierend passierten.

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Dort war es dann tatsächlich auch etwas schicker und chilenisches „Möchte-Gern“ reich gesät. Glücklicherweise befanden sich in der englisch geführten Tour neben uns nur zwei Amis im Jogging-Outfit, sodass wir wieder glänzen konnten.

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Ganz nach dem Motto soweit das Auge reicht bzw. alles was das Licht berührt, gehört zu den Länderein des Guts.

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Nach der Ernte, die bei ein solche erlesenen Wein natürlich „handpicked“ ist, werden die Stiele maschinell von den Trauben getrennt, gerüttelt und geschüttelt und der Saft kommt dann erst einmal in diese unromatischen Kontainer.

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Aber keine Sorge – natürlich genießen die edelen Tropfen je nach Preis auch eine gewisse Zeit in den Fässern aus fränzösischer Eiche (allerdings wird gerade ungarische Eiche getestet – hmmm, ob die wohl billiger ist?)

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Dann noch Ratz Fatz im 2.500 Flaschen pro Stunden-Takt abgefüllt und fertig ist der Boutique-Wein!

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Doch nun kommen wir zum wichtigsten Teil der Führung und unseren eigentlichen Motivationsgrund die „DEGUSTACION“! Edel angerichtet mit hübschen Gläselein und frischem Obst, das uns saftig anlächelte, um uns später hönisch zu verspotten, als uns der ausschließlich dekorative Zweck klar wurde, nahmen wir Platz an der Tafel.

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Luis – unser Guide – kredenzte uns zuerst ihren Verkaufsschlager, den Sauvignon Blanc, der angeblich nach Äpfel, Zitronen und ein bisschen Pfeffer schmeckt. Gerade noch den letzten Schluck geleert folgte mit dem zweiten Glas , ein Chardonnay aus dem eher fruchtigen Sortiment (Apfel, Pfirsich, Banane, Mango, Ananas,…) eine kleine Lehrstunde zum Verkosten.

Regel 1: Griffel weg vom Glaskelch sonst wird der Wein warm und überall sind „Fettdabber“ -Also nur unten am Stiel oder am Boden greifen.

Regel 2: Glas LEICHT kippen und sich die Farbe genauer anschauen.

Regel 3: Nase ganz tief rein ins Glas und schnüffeln!

Regel 4: Das Glas locker aus dem Handgelenk schwenken – wer zu unfähig oder betrunken hierfür ist, kann das Glas auch gut und gerne auf den Tisch stellen und dort ganz souverän kreisen lassen. Dann noch einmal die Nase rein.

Regel 5: Einen großen Schluck nehmen, über die Zunge laufen lassen, die Zunge gegen den Gaumen drücken, den Wein kurz in der rechten und linken Backe spülen – also wirklich nur ganz kurz! – und dann schlucken.

Regel 6: Das Prozedere sollte nur einmal durchgeführt werden und zwar genau dann, wenn der Kellner einem den Wein zu probieren einschenkt!

Und obwohl wir Schritt für Schritt genau befolgten kamen wir beim Pinot Noir zu unserer Enttäuschung nicht auf die „Vanille-Erdbeer-Leder“-Note. Doch wir machten Fortschritte. Nach der vorschriftsgemäßen Verköstigung des preisgekrönten Syrah traf Maria mit ihrem fachmännischen Kommentar: „Der raicht wia obrennt!“ die rauchige Grundwürze!

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Ich denke es bedarf keiner weiteren Erklärung, dass wir bei der Wahl zwischen der günstigern Tour mit 4 Weinen und der teureren Tour mit 5 Weinen erstere gewählt hatten. Zu unser großen Freuden waren wir Luis wohl so sympathisch, dass es uns ein Glas ihres limited – private sale – wir haben nur wenige Flaschen davon- Weins einfach so schenkte! (Die Amis hatten natürlich für die 5 Weine gezahlt 😉 ) – Ein außergeöhnliches Trink-Erlebnis: Statt der für einen Carbernet Sauvignon üblichen 5 bis 7 Sekunden, bleibt der GRAN BOSQUE satte 10 Sekunden geschmacklich im Gaumen hängen… und danach: Mundwüste!

Etwas beschwipst, weil weggeschüttet wird nichts, genossen wir in der Sonne unsere mitgebrachten Snacks und beschlossen spontan das Mountainbike-Angebot des Weinguts zu nutzen. Da wir ja immer noch als Tiefflieger in der High Class unterwegs waren, handelten wir einen kleinen Preisnachlass heraus und verzichteten dafür bereitwillig auf eine neue Runde des bereits getesteten Sauvingnon Blanc. Und dann konnte es auch schon losgehen. (Einziges Problem bei der Wertsachenabgabe war meine offene Handtasche. Auf meinen Hinweis, dass ich sie nicht schließen könne, da der Reisverschluss kaputt sen, erntete ich ein leicht schockiertes Naserümpfen.)

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Als es dann inmitten der Weinberge hieß sich zwischen der grünen Anfänger Tour und der roten Tour zu entscheiden, war natürlich klar, dass es sich bei uns beiden nicht um Radfahr-Anfänger handelt. Was uns nicht so klar war, dass sich der anfänglich gemächliche Weg in quasi ein Downhillparadies verwandelt, da Regenwasser tiefe Furchen in den weichen Sandboden gemärzt hatten. Doch mit ein bisschen schieben und viel bremsen, haben wir auch diese Challenge gemeistert und sind wohlbehalten zurückkehrt.

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Zurück in Casablanca hatten wir anscheinend gerade die Mittagszeit verpasst, da uns reihenweise die „Lokale“ vor der Nase zumachten. Bis auf eines, das hatte Mitleid mit uns ausgehungerten Mädchen und öffnete uns eigens ihre schon schließende Tür. Als einzige Gäste wurdenwir prompt bedient, wofür wir uns mit einem entsprechenden Trinkgeld erkenntlich zeigten. Dann fuhr uns noch die äußerst nette Touri-Tante zur Autobahn mit der nächsten Bus-Herwink-Stelle in Richtung Santiago und weigerte sich dafür Geld anzunehmen – all in all ein wares Schnäppchen dieser Lebewohl-Ausflug!

Ich verbleibe mit vergnüglichen Grüßen.

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